Mittwoch, 4. Oktober 2017

Die Deutsche Post setzt prioritäten

Die Warteschlange in der Postfiliale ist teilweise schon unerträglich lang. In letzter Zeit wird sie noch länger. Jeder Kunde, der nicht genau weiß, was er will und eigentlich nur einen Brief frankiert und loswerden will, wird in ein Verkaufsgespräch verwickelt. Natürlich hat man dabei nur die Absicht, dem Kunden das optimale Produkt anzudrehen. Das kostet mehr und bringt so gut wie nichts. Außer, das die Warteschlange länger wird, weil kein Kunde kapiert, was ihm da aufgequatscht wird. Weil die Kunden, die eine einzelne Marke am Schalter holen sowieso eher etwas planlos sind (sonst würden sie die Marke am Automaten holen oder hätten ein paar auf Vorrat), denken sie, ihnen wird was sinnvolles angeboten: Zusatzleistung PRIO.

Das kostet 90 Cent extra und bringt rein gar nichts.

Angeblich wird der Brief priorisiert transportiert. Nachprüfen kann das keiner und eigentlich ist es doch egal. Ob ein Brief am nächsten oder übernächsten Tag ankommt, ist egal. Sollte es anders sein, muß man ein entsprechendes Produkt kaufen, was ungleich teurer ist. Dabei erreichen schon heute 95 Prozent aller Briefe den Empfänger am nächsten Werktag. Nach Aussage der Post und so muß es auch sein und der Kunde darf sich darauf verlassen. Auch wenn diese angezweifelt wird. Auch bei Prio kocht die Post nur mit Wasser. Wenn sie die Sendung abgeben, nachdem der letzte Abhol-Fahrer die Filiale aufsuchte, druckt sie dieses peinliche Eingeständnis jetzt auch auf die Belege: "Versandschlusszeit überschritten. Der Transport der Sendung beginnt am nächsten Werktag".

Eine rechtsverbindliche Zustellung sichert der Service nicht zu! Hierfür ist einzig ein Einschreiben der richtige Weg. Die Sendung ist über die Sendungsnummer zwar (kompliziert) verfolgbar, aber genau der letzte Schritt wird gar nicht dokumentiert. Die Sendung wird das letzte Mal in der Großbriefsortieranlagen des Ziel-Briefzentrums gescannt. Anschließend wird sie eventuell zugestellt, geht verloren, landet beim Nachbarn oder wird weggeschmissen. Keiner weiß es. Abends werden lediglich die Briefe wieder gescannt, die nicht zugestellt wurden. Der Rest wird als zugestellt angesehen.

Die Post bietet keine Haftung bei Verlust - wie auch, denn es existiert keine Information darüber, wo die Sendung geblieben ist.

Der Kunde soll also für etwas bezahlen, was ihm eh schon zusteht (Zustellung am nächsten Werktag) und etwas, was ihm nichts bringt (Teil-Tracking). Und weil das ein gutes Geschäftsmodell ist - schließlich wird ein Brief auf seinem Weg sowieso mehrmals vollautomatisch gescannt, verkaufen die Postillione das Produkt wie sauer Bier am Schalter. Und alle anderen Kunden müssen warten, bis die Verkäufer ihren Spruch aufgesagt haben, die Kunden überlegten, leicht bedrängt wurden ("Sendung kann verfolgt werden" - hört sich toll an) und dann zögerlich zustimmen. Heute wurde ich dann auch noch Zeuge, wie der Verkaufsmitarbeiter dem Kunden in radebrecherischen Denglisch einreden wollte, daß sei toll für die Steuererklärung, weil er dann belegen kann, eine Sendung verschickt zu haben. Das ist natürlich blödsinn, denn dafür reicht die normale Quittung aus.